Erfindungen, vier große

Die sprichwörtlich als "vier große Erfindungen" Chinas (si da faming 四大发明) bezeichneten Erfindungen sind das Papier, der Buchdruck, der Kompass und das Schießpulver (oder Schwarzpulver). Jede dieser Erfindungen gab es im kaiserzeitlichen China bereits. Die Einordnung als „große Erfindungen“ jedoch wurde erst Jahrhunderte später geformt. Im Rahmen der Aufklärung stuften europäische Gelehrte, wie der Philosoph Francis Bacon (1561-1626), den Buchdruck, den Kompass und das Schießpulver als größte Erfindungen und wichtigsten Beitrag für die Modernisierung und den weltweiten Aufstieg Europas ein. Erst im 19. und 20. Jahrhundert wurde diese „Einstufung“ von westlichen Sinologen und, ein wenig später, auch von chinesischen Wissenschaftlern, Politikern und der Öffentlichkeit, übernommen. Sie diente dazu, zu zeigen, dass das alte China — im Gegensatz zum China des ausgehenden 19. Jahrhunderts — im Bereich der Technik dem Westen weit voraus war. Bis heute werden die vier Erfindungen als die "vier großen Erfindungen" des alten Chinas eingestuft, weil sie nicht nur für China, sondern eben auch für die Entwicklung der restlichen Welt eine entscheidende Rolle gespielt haben. Das Papier (zhi ), die „vierte” Erfindung, die auf europäischer Seite erst spät den anderen drei als besonders bedeutsam eingestuften Erfindungen hinzugefügt wurde, war in China bereits während der Han-Dynastie (206 v.u.Z. bis 220 u.Z.) in Gebrauch. Der Beamte am Kaiserlichen Hof Cai Lun 蔡倫 (c. 50-121) entwickelte ca. 105 u.Z einen Prozess, der die Herstellung von Papier vereinfachte und dessen Qualität verbesserte. Er gilt damit in China als „Erfinder“ des Papiers, auch wenn es vorher schon Papier-ähnliche Materialien gegeben hatte. In Europa ersetzte Papier erst im 16. Jahrhundert das bis dahin benutzte Pergament (Tierhaut). Der Buchdruck (yinshuashu 印刷術) wurde in China auch schon mehrere Jahrhunderte vor Gutenbergs „Erfindung” des Buchdrucks (mit beweglichen Buchstaben) benutzt. Zuerst entwickelte sich der Holzdruck (auch Blockdruck genannt). Später, während der Song-Dynastie (960-1279), wurde das erste System für Buchdruck mit beweglichen Lettern (oder im Fall Chinas mit Schriftzeichen) durch Bi Sheng 畢昇 (ca. 972-1051) entwickelt. Später wurde dieses System durch Wang Zhen 王震 (1271-1368) weiterentwickelt und verbessert. Auch der Kompass (zhinanzhen 指南針, wörtlich übersetzt “den Süden zeigende Nadel”) und seine Anwendungszwecke haben sich seit dem alten China schrittweise entwickelt: der erste Kompass bestand aus einem Löffel auf einem viereckigen Brett, der sich immer in Richtung Süden orientierte (sinan 司南). Dieser Kompass wurde nicht für die Navigation, sondern eher in der Geomantie (fengshui 風水), z.B. für eine günstige Ausrichtung der Lage von Gebäuden und Gräbern, benutzt. In der Song-Dynastie (960 – 1279) gab es dann Kompasse, die für Navigation auf dem Wasser benutzt wurden, und die aus einer magnetischen Nadel in einer Schale Wasser bestanden. Dieser Kompass kam dann über den Mittleren Osten nach Europa. Ähnlich verhielt es sich mit der Entwicklung des Schießpulvers (huoyao 火藥, wörtlich übersetzt “Feuermedizin”), das ursprünglich für ganz andere Zwecke gedacht war: Es wurde von Alchemisten entdeckt und als Mittel zur Erreichung von Unsterblichkeit verwendet (erfolglos, lässt sich hier natürlich erraten). Bereits ab dem 9. Jahrhundert wurde das Schießpulver (bestehend aus Salpeter, Schwefel und Kohlenstoff) dann für Militärzwecke weiterentwickelt. Sowohl die chinesische Song-Dynastie als auch deren mongolische Herausforderer der Yuan-Dynastie (1279 –1368) verfügten auf Grund des Schießpulvers über viele verschiedene Waffen und damit verbundene Techniken, die in Europa erst Jahrhunderte später bekannt wurden. In seinem Buch Geschichte Chinas (2012) ordnet der Sinologe und Historiker Kai Vogelsang sehr treffend die tatsächliche Bedeutung von Erfindungen für die Menschheit wie folgt ein: „Offenbar sind es nicht die Erfindungen, die Geschichte beeinflussen, sondern deren soziale Durchsetzung und Nutzung.“ (Vogelsang 2012, 170)​

Weiterführende Informationen:

Kai Vogelsang. 2013. „Erfindungen“. In: Geschichte Chinas. Stuttgart: Reclam, S. 169–170.