Aus der Werkstatt: Olympia 2022 Beijing

Von Transkulturelle Identität bis Nachhaltigkeit

Die Olympische Winterspiele 2022 fanden vom 4.-20. Februar 2022 in der VR China statt, und im Vorfeld standen viele Themen im Mittelpunkt der Diskussion – Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang, Xi Jinpings Machtposition und Chinas Staatssystem, Umweltschäden und Klimawandel sowie die Corona-Pandemie – von Sport war weniger die Rede. Wie kann dieses Thema, über das in den internationalen Medien und im öffentlichen Diskurs oft recht einseitig berichtet wird, dennoch multiperspektivisch ausgearbeitet werden? In diesem Werkstatt-Bericht bieten wir einige Ideen für mögliche Herangehensweisen und dazu passende Quellen und Materialien. 

Im Folgenden finden Sie Ideen zu:

  1. Olympia in den Medien
  2. Olympia und Politik: Die Frage des Boykotts
  3. Olympia und die Pandemie
  4. Chinesische Stimmen
  5. Vergleich 2008 und 2022
  6. Nachhaltigkeit
  7. Stadtentwicklung

1. Olympia in den Medien

Wie wird weltweit über die olympischen Spiele berichtet? Das Thema Berichterstattung zu Olympia eignet sich sehr gut als aktueller “Aufhänger” für die Arbeit mit dem CSA Modul China in den Medien – Arbeiten mit der Linkliste. Neben Einordnungen zu deutsch- und englischsprachigen Medien, die über China berichten, finden Sie dort auch Ideen und einen beispielhaften Ablaufplan, wie Ihre Schüler*innen sich kritisch und multiperspektivisch mit der Berichterstattung zu China auseinandersetzen können.

Ein Beispiel davon wäre die Kontroverse um die achtzehnjährige Freestyle-Skiläuferin Eileen Gu (Gu Ailing). In den USA geboren und aufgewachsen spricht Gu fließend Englisch und Chinesisch. In den Medien kontrovers diskutiert wurde vor allem Gus Entscheidung, bei den olympischen Spielen in Beijing für die Volksrepublik China (und nicht die USA) anzutreten, wofür Sie im Internet auch angefeindet wird.  Ausgehend von den verschiedenen Medien in der Linkliste können die Schüler*innen in Einzel- oder Partnerarbeit analysieren, wie das eingangs erwähnte Nachrichtenthema in einem bestimmten Medium dargestellt wird.

Hier einige Beispiele (die Einordnung der Medien finden Sie in unsere Linkliste)

Einen sehr differenzierten und kritischen Blick auf die europäisch-amerikanische Berichterstattung zu Eileen Gu gibt folgender englischsprachiger Artikel einer American Born Chinese (ABC): https://supchina.com/2022/02/17/why-eileen-gu-matters/ Die Autorin Helen Li argumentiert, dass die Berichterstattung über Eileen Gu zeigt, wie wenig transkulturelle (über Staats- oder Kulturgrenzen hinausgehende) Identitäten akzeptiert werden. Auf Anfrage stellen wir Ihnen gerne eine deutsche Übersetzung des Artikels zur Verfügung.


2. Olympia und Politik: Die Frage des Boykotts 

Der (politische) Boykott der Spiele durch einige Länder wird in den internationalen Medien häufig aufgegriffen. Im öffentlichen Diskurs in der VR China wird das Thema allerdings kaum diskutiert. Die gleichzeitige Lektüre verschiedene Medien (wiederum mit Hilfe der Linkliste), z.B. der Global Times, der Hongkonger South China Morning Post und europäischer Medien ermöglicht die Wahrnehmung sehr unterschiedlicher Verschweigungs- und Hervorhebungstaktiken zum Thema. Hier wäre auch eine breite historische Herangehensweise möglich, z.B. sich die Frage zu stellen, wann und wieso andere Spiele boykottiert wurden (z.B. Moskau 1980 und Los Angeles 1984). In diese Perspektive lassen sich auch breitere Themen, z.B. Menschenrechte in Xinjiang oder der umstrittenen Status von Taiwan, einbinden.

In diesem Video (auf Englisch) von Asian Boss werden Menschen in Shanghai zum Thema Boykott interviewt. Hier wird deutlich, dass das Thema Boykott in den chinesischen Medien keine große Aufmerksamkeit bekommt, viele Chines*innen es aber trotzdem als eine Art „Demütigung“ empfinden, dass manche Regierungen sich so positionieren.


3. Olympia und die Pandemie

Die Covid19-Pandemie beeinflusst immer noch nahezu alle Facetten unseres Alltags. Auch die Olympischen Spiele sind keine Ausnahme und finden unter extrem strikten Bedingungen statt. In dem hier vorgeschlagenen Artikel beschreibt der Sinologe Björn Alpermann, wie sich die Spiele auf die “Null-Covid”-Strategie der chinesischen Regierung auswirken könnten. 


4. Chinesische Stimmen

Was denkt die Bevölkerung in Beijing über die Olympischen Spiele, die dieses Jahr zum zweiten Mal in Beijing stattfinden werden? Die US-amerikanische Medienplattform SupChina hat verschiedene Beijinger gefragt. (Eine deutsche Übersetzung des Artikels stellen wir Ihnen gerne zur Verfügung, schicken Sie uns dazu eine Mail.) 

https://supchina.com/2022/02/03/what-beijingers-are-expecting-or-not-out-of-the-winter-olympics/
Einordnung der Quelle: SupChina ist eine gewinnorientierte Firma, die 2015 von Anla Cheng, einer amerikanischen Hedgefond-Investorin mit taiwanischen Wurzeln, gegründet wurde. SupChina bietet tägliche, breit informierte Nachrichtenübersichten und Artikel zu aktuellen, China-bezogenen Themen mit einem Fokus auf Gesellschaft und Kultur.

Hier wäre auch ein Vergleich interessant: Die Schüler*innen fragen in ihrer Familie und im eigenen Umfeld Personen nach ihrer Meinung zu den Winterspielen in Beijing und vergleichen dann im Unterricht die Aussagen mit denen im Artikel. 

Ähnliche Stimmen aus China zu den Olympischen Spielen 2008 finden sich in:

  • Beekman, Daniel. 2009. „Beijing’s Olympic Soundscape: Volunteerism, internationalism, heroism and patriotism at the 2008 Games.“ In China in 2008. A Year of Great Siginificance, herausgegeben von Kate Merkel-Hess, Kenneth L. Pomeranz, und Jeffrey N. Wasserstrom, 192–99. Plymouth: Rowman & Littlefield.

Weitere Möglichkeiten für vergleichenden Blicke auf chinesische Stimmen zu den olympischen Spielen finden sich im Bericht Schneller, Höher, Weiter: China Überholt sich selbst, herausgegeben in 2008 von der Asienstiftung und dem EU-China Civil Society Forum (Hrsg. Nora Sausmikat und Klaus Fritsche). Hier sind Beiträge des Künstlers Ai Weiwei 艾未未 (damals u.a. künstlerischer Berater beim Bau des großen Stadiums (“Vogelnest”), mittlerweile aber im Exil), des Literaturwissenschaftlers Yu Jie 余杰 (auch im Exil), sowie des Juraprofessors He Weifang 贺卫方 und des Literaturwissenschaftlers Fang Weigui 方维规 zu finden. Interessant wäre z.B. die Frage, inwiefern deren Meinung auch in der heutigen Berichterstattung widergespiegelt wird. Und wieviel oder wie wenig sich in den 14 Jahren dazwischen geändert hat—die politische Landschaft Chinas hat sich ja deutlich gewandelt, seit Xi Jinping 2012 an die Macht gekommen ist? Wie unterscheiden sich die damalige Situation in Tibet und die Reaktion der internationalen Gemeinschaft sowie der chinesischen Regierung von den Reaktionen auf die heutige Situation in Xinjiang?


5. Vergleich 2008 – 2022

Den Rückblick auf die Olympische Spiele 2008 und einen Vergleich mit der Situation heute finden wir in vielen Nachrichten. Was waren die Ziele der chinesischen Regierung damals und heute? Was waren die Kritiken oder Problemstellen? Wo gab es Möglichkeiten und Chancen? In vielen Medienbeiträgen aus diesem Jahr wird auf die Unterschiede (Politik, Gesellschaft, Nachhaltigkeit etc.) hingewiesen. In dem Artikel „Chinas Olympische Winterspiele 2022“ (Bundeszentrale für Politische Bildung) fokussieren die Autoren Jeroen de Kloet und Gladys Pak Chong sich auf die Art und Weise, wie die Olympischen Spiele damals (2008) und heute (2022) in chinesischer Werbung und im öffentlichen Raum dargestellt wurden bzw. werden. 

TAZ Korrespondent Felix Lee spricht in diesem TAZ Talk/Han Sens Asientalk ebenfalls über die Unterschiede zwischen den Spielen in 2008 und 2022 (ungefähr 7:30 – 12:00).


6. Nachhaltigkeit

Schon 2008 war Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema der Olympischen Spiele. Auch für die chinesischen Organisatoren hatte das Thema eine hohe Priorität, so wurde zum Beispiel das Schwimmstadion (der sogenannte “Wasserwürfel”) mit nachhaltigen Materialien und Lösungen entworfen und gebaut. Um eines der größten Probleme, die mangelnde Luftqualität, zu lösen, schloss die chinesische Regierung viele Fabriken in und um den Austragungsort Beijing und erließ zeitweise Fahrverbote in der Stadt. Trotzdem gab es Kritik, der eine oder andere Sportler zog sich von der Teilnahme zurück (siehe Schneller, Höher, Weiter, S. 4). Auch 2022 gibt es erneut Kritik am Anspruch der Beijinger Spiele, „grüne” Spiele zu sein. Wie in dem Artikel „Besonders nachhaltig oder bloß Fassade?“ (Tagesschau, 30.12.2021) und auch in dem ZDF Dokumentarfilm “Zwischen Propaganda und Corona” (s.u.) besprochen wird, ist das Klima in der Region rund um Beijing, wo die Wettbewerbe stattfinden, sehr trocken und nicht wirklich für Wintersport geeignet. Hier ließen sich also gut geographische Aspekte thematisieren. Weitere Fragen, die in diesem Rahmen gestellt werden können, sind zum Beispiel, wie “grün” Winterspiele überhaupt sein können, nicht nur in China, sondern auch anderswo, wenn fast ausschließlich auf Kunstschnee zurückgegriffen werden muss. So kann dies ein Ausgangpunkt für eine Debatte über die Nachhaltigkeit von Wintersport allgemein, also auch bei uns, sein. Warum werden im ZDF-Beitrag zum Beispiel die Ursachen für die Überschwemmungen in Garmisch nicht hinterfragt (die Nutzung der Region durch den Wintersport als zumindest mögliche Teilursache wird nicht angesprochen). Für Beijing hingegen wird von der interviewten Professorin für Geographie Carmen de Jong (Universität Straßburg) sehr deutlich vorausgesagt, welche Spätfolgen die Anlagen haben können.

Die Dokumentation erlaubt unterschiedliche Perspektiven auf das Thema, sie enthält u.a. Interviews mit Dorfbewohnern nahe beim Olympischen Dorf aber auch Perspektiven aus der Politik, dem Olympischen Komitee, von Sportlern und von Menschenrechtsorganisationen.

Einordnung

7. Stadtentwicklung

Für die vielen neuen großen Bauprojekte, die im Zuge der Sommerspiele 2008 in Beijing realisiert wurden, wie z.B. das von Ai Weiwei mitkonzipierte Stadion, das bereits erwähnte Wasserviereck und neue U-Bahn-Linien, mussten in Beijing viele alte Gebäude, Straßen und sogar komplette Viertel abgerissen werden. Damals gab es zahlreiche diesbezügliche Proteste, auch aus der lokalen Bevölkerung, da viele ihre Häuser, Geschäfte und Gemeinschaften verloren, ohne dafür gerecht kompensiert zu werden. Der chinesische Dokumentarfilm Meishijie 煤市街 (Kohlenmarktstraße) von Ou Ning 欧宁 (1969- ),  einem chinesischen Dokumentarfilmer, Autor und Aktivisten zeigt, wie einige Bewohner versuchen, sich gegen die Umsiedlung und den Abriss ihrer Häuser zu wehren (ohne Erfolg). 

Bei Interesse können Sie den chinesischen Dokumentarfilm auch über die CATS-Bibliothek im Unterricht (online) streamen. Schicken Sie uns dazu bitte eine Mail.  

Wie sich die Straße geändert hat wird deutlich, wenn man sich einerseits die Bilder aus dem Dokumentarfilm (https://www.youtube.com/watch?v=nZ4RIhvPak0 oder Meishi Street (煤市街) – Clip 1) und anderseits eine aktuelle Aufnahme (2020) derselben Straße (https://www.youtube.com/watch?v=lF34A9Or8zo) anschaut. Hier kann man bei Themen wie Stadtentwicklung und deren Folgen für die Bürger*innen sowie Politik (Rechtsstaat, Bürgerbeteiligung, Zivilgesellschaft) einhaken. Beispiele davon finden Sie auch in einigen Interviews mit Dorfbewohnern nahe des Olympischen Dorfes, in der bereits erwähnten ZDF-Dokumentation.

Weitere Quellen

Die Webseite “Olympia Ruft: Macht Mit!” liefert Lernmaterialien zu den Olympischen Winterspielen 2022 für die Primar- und Sekundarstufe. Eine genauere Beschreibung und Einordnung der Webseite finden Sie in unserer Linkliste.  Petra Müller bietet auf Ihre Webseite außerdem Arbeitsblätter und Quellenhinweise für den Chinesisch-Sprachunterricht an, die Quellen und Materialen sind aber auch im Fachunterricht einsetzbar. 

  • Deutschen Olympischen Akademie. o. J. „Olympia Ruft: Mach Mit!“ Zugegriffen 17. Februar 2022. https://olympia-ruft.de/.

Die Materialien wurden von Lehrer*innen an Grund- und weiterführenden Schulen entwickelt – darunter vor allem Sportlehrer*innen, was den Fokus der Materialien auf das Fach Sport erklärt. Herausgegeben wurden die Materialien von der Deutschen Olympischen Akademie, einem Sportförderverein mit Sitz in Frankfurt am Main, der vom Bundesland Hessen und deutschen Sportorganisationen finanziert wird. Die Entwicklung der Lernmaterialien wurde auch finanziell unterstützt von Olympic Solidarity, einer Institution des Internationalen Olympischen Komitees.

In den Materialien zur Primarstufe finden sich Einheiten zum Gastgeberland China, den olympischen und paralympischen Spielen 2022 in Beijing sowie den olympischen Werten, Symbolen und Sportarten. Die Materialien zu China bieten neben netten Bastelaufgaben auch kurze Hintergrundtexte zu China, Beijing, der Großen Mauer, den Tierkreiszeichen, Zahlen, Neujahr, historischen Erfindungen, Glücksbringern und der chinesischen Schrift. Neben der teils stereotypen Auswahl der Themen (so wirkt ein Bild einer chinesischen Schule beispielsweise eher wie ein Gefängnis) fallen auch immer wieder kleinere sachliche Fehler in den Texten ins Auge (zum Beispiel werden Yin und Yang als Glückssymbol bezeichnet oder chinesische Schriftzeichen werden alle als Symbole bezeichnet).

Der Fokus der Materialien für die Sekundarstufe liegt auf dem Fach Sport. Für den Gemeinschaftskundeunterricht werden Materialien für eine Pro- und Kontra-Diskussion zum Olympiaaustragungsort Beijing angeboten. Aus deutschen Medienberichten arbeiten die Schüler*innen Pro- und Kontraargumente heraus. Leider erscheinen hier nur wenige chinesische Stimmen und auch die Rolle des Internationalen Olympischen Komitees wird kurz angeschnitten, aber nicht tiefer kritisch reflektiert. Darüber hinaus werden auch Ideen für den Unterricht in Mathematik (Rechenreise), Englisch (Lesekompetenz und Textverständnis anhand von Texten zu den Olympischen Spielen) und Philosophie (Fairness und Bedeutung von Sport für die eigene Lebensgestaltung) angeboten. Interessant sind auch die Materialien zu Qigong und Meditation im Unterricht.

Einordnung

Vortragsreihe

Zu guter Letzt möchten wir noch auf die Vortragsreihe “Olympia und Propaganda – Zu den Olympischen Winterspielen in China 2022” des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik (DNWE) aufmerksam machen. Auch wenn die meiste Veranstaltungen bereits stattgefunden haben, stehen die Aufnahmen noch Online zur Verfügung. Wir möchten darauf hinweisen, dass im Vorfeld die genauen Inhalte noch nicht beurteilt werden können.